Zum Kontext — eine doppelte Lesart
Die einzige vollständige Alba-Struktur im bisherigen Korpus: ein explizites Nachtsetting, eine Liebesbegegnung, und mit den Tauben (Vers 18, „den Tod der Dunkelheit verkündeten") ein echtes Wächter-Äquivalent, das die Trennung kausal auslöst — anders als bei IV, wo die Geliebte ohne Signal verschwindet.
Zugleich erblindete Ibn Ḥamdīs, wie die biographische Überlieferung bezeugt (u. a. in einem eigenen Krankheitsgedicht, Diwan Nr. 124, das Granara übersetzt und kommentiert hat), gegen Ende seines Lebens an Trachom. Mehrere Details sind medizinisch-konkret, nicht nur poetisch: collirio (Vers 6) ist der Fachbegriff für Augensalbe, Kamillenblüten (Vers 9) ein reales Hausmittel gegen Augenleiden, und die Schlusspassage (18–20) spricht explizit von Benommenheit und dem Verlust der Fähigkeit, Rechts von Links zu unterscheiden. Gelesen im Licht dieser zweiten Ebene wird aus der Liebesnacht die Erzählung eines für Stunden zurückgewonnenen, dann wieder verlorenen Augenlichts. Siehe auch das Motiv Augen, Licht, Blindheit.
01Ich wies der Kritiker Tadel von mir und setzte
jedem Zweifel Gewissheit entgegen.
02Und ich sprach: „Der Gott der Menschen vergibt
den Schuldigen ihre Sünden."
03Ich krönte das Kräutergärtchen meiner strahlenden Jugend
mit einem blühenden Park und quellfrischem Wasser.
04Im pechdunklen Wein erkennst Du: Erst vermischt mit Wasser,
schmeichelt das Töchterlein der Rebe dem Geschmack.
05In unseren dunklen Nächten ritten feurige Reiter
kühn zusammen mit lärmenden Zechern.
06Wie viele dunkle Nächte, von denen du glaubtest,
sie hätten den Augen der Sehenden die Salbe der Finsternis gegeben,
07deren Meer angeschwollen war — und ich segelte auf Kelchen,
die mir zu Schiffen wurden, um andere Ufer zu erreichen!
08Du glaubtest, die Finsternis im Innern der Nacht
verberge uns das Antlitz des Lichts.
09Die Sterne im Dunkel erschienen wie Kamillenblüten
grünender Gärten am Horizont.
10Es schien, als gäb es einen Feldherrn: vor Augen
führt er dir seine Scharen und ließ sie aus dem Walde treten.
11Und dann dies Rot! Verströmt es doch den Duft des Abīr,
hält Heiterkeit bereit für jenen traur'gen Mann —
12der alte rote Wein. Die Erde öffnet sich gereift. Zu Tage kommt
die sprühende Heiterkeit. Vergraben war sie in ihm.
13Großgezogen von der Sonne, verbrachte er sein Leben
im Schoß der Jahre.
14Mit ihm galoppiert' ich die ganze Nacht im Rausch
und mit ihm beging ich das Morgengebet mit gesenktem Haupt.
15Und ohne Zögern zog ich meine Beute hervor,
eine Jungfrau aus der Herde der Antilopen.
16Ihr Atem kam aus einer Brust wie Kampfer,
kühl, makellos, schön durchwirkt von Düften.
17Und küsste man der Wangen rosigen Glanz,
sah man Jasmin erblühen.
18Als die Tauben wie Klageweiber erschienen
und den Tod der Dunkelheit verkündeten,
19blieb ich benommen — als Liebender der selbst dem andern die Sinne benimmt —
bis ich vor Blindheit nicht mehr rechts noch links unterscheiden konnte.
20Die Traurigkeit stürzt sich mit mir in ein Meer aus Tränen
und ließ den Preis der teuren Perlen dieser Augen sinken.
21Die Nacht erstaunt sich über den Verliebten,
der im Lächeln weint über den weißen Sonnenaufgang.