Zungen aus Feuer
Zungen aus Feuer › Ghazal und Liebesdichtung

IV — Lied über die Liebe

7 Verse
Zum Kontext

Die Geliebte verschwindet grundlos, urplötzlich, ohne ein auslösendes Signal — anders als beim klassischen Tagelied (Alba), das ein konkretes Nachtsetting und einen Wächter oder ein Morgenzeichen als Ursache der Trennung braucht (siehe dazu CCCV, wo diese Struktur tatsächlich vollständig vorliegt). Hier bleibt die Ursache offen; nur das Sonnenparadox in Vers 6 — eine Sonne, die dort untergeht, wo sie aufgeht — deutet die Trennung an, ohne sie zu erklären.

01Sie kam mich zu besuchen, trotz der Furcht vor Wächtern, sie erschien wie ein Zicklein, erschreckt vom Wolf.
02Der Kampfer war im Weiß ihrer Farbe, der Moschus im Duft ihres Parfums.
03Sie war im Begriff, einem von Liebeskummer Geplagten den Durst zu löschen, dem doch davon das Herz in Flammen stand.
04Durch einen kühlenden Bach, dessen Kiesel wie frische Perlen auf einen Faden gezogen.
05Aber als ich, wie ein scheuer Vogel, einen Schluck daraus schöpfen wollte,
06verschwand sie. Sprich also von einer Sonne, die dort untergeht, wo sie aufgeht.
07Ihr Zusammentreffen war kürzer als die Predigt eines Priesters.
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