Zungen aus Feuer
Zungen aus Feuer › Qasiden und Qasidenfragmente

CX — Er rühmt sich in Erinnerung an vergangene Tage

Diwan Nr. 110 nach Iḥsān ʿAbbās · 37 Verse
1–4 Alter & Jugend 5–27 Weingelage 28–31 Kerzen-Ekphrasis 32–37 Sizilien-Klage
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Das berühmteste Gedicht des gesamten Diwan, jetzt vollständig übertragen. Bezeugt unter anderem durch al-Ḥimyarī, der Anfangs- und Schlussvers in seinem geographischen Werk al-Rawḍ al-Miʿṭār anführt. Die Nönnchen-im-Kloster-Passage (Vers 12–15) gehört zur sogenannten Diyārāt-Literatur — dem klassischen Topos vom heimlichen Weingenuss bei Christen, da Weinherstellung im islamischen Kulturraum traditionell ihnen vorbehalten war.

01Meine Seele hat sich ausgetobt in ihrer Jugend, das graue Haar des Alters brachte Vernunft.
02Gewiss. Für sie wurden die Pfeile der Liebe verlost und verteilt in verschieden großen Losen.
03Die Zeit pflanzt niemals Bäume, deren Früchte sie nicht erntet.
04Im Krieg habe ich die Waffen der Zeit unbrauchbar gemacht und sie für den Frieden umgeschmiedet.
05Schau das Pferd, das ausgelassen mit dem Jungen spielt, als er es im Spaß zu voltigieren anspornt.
06Den Kelch, aus der Amphor' bekommt er ihn eingeschenkt. Was er enthält? Du würdest sagen, es sei sein Hippodrom.
07Du siehst eine Frau, die den Wein reicht, mit ihren Händen schließt sie die Knöpfe am Halse der Gazelle.
08Sie verteilt in der Runde Rubine und Perlen und taucht ins Wasser der einen das Feuer der andern.
09Junge aufrechte Menschen wie leuchtende Sterne, von edler und großzügiger Neigung.
10Sie reichen den Wein herum, im Kelche verbreiten sie den Glanz in der Dunkelheit der Nacht.
11Es scheint, als bergen ineinander verwobene Blasen zwei Netze, die sie nicht entkommen lassen.
12Sieh da, ein Nönnchen, das ihr Kloster verriegelt hat. Im Schutz der Nacht kamen wir dennoch, sie zu besuchen.
13Der Duft eines Weines, der deiner Nase seine Geheimnisse offenbart, führte uns zu ihr.
14Man wird den Moschus dort nicht finden, nur einen jungen Mann. Der geht den weiten Weg nach Dārīn — oder einfach zu ihr.
15Der pechschwarze Wein in den Amphoren — bei ihr werden sie zu Moschusbläschen.
16Ich warf in die Waage mein Silber (Dirhem), sie zapft' aus der Amphore ihr Gold (Dinar).
17Wir baten sie um die Hand von vier ihrer Kinder, um der Jungfrauen Blumen zu pflücken,
18beinahe Weltaltern gleich, seit die Sterne leuchten.
19Ihre jungen Bräute zeigen Dir die langen Arme, amphorengleich an ihre Seiten gelegt.
20Wer eine gute Nase hat, erkennt sofort die Besten und wählt sie am Geruch.
21Ein junger Mann studierte wohl die Weine, kennt daher stets die Herkunft und das Alter,
22von jedem Wein, den du willst, und zählt dir die Jahre und die Namen der Händler.
23Wir kehrten in den Kreis des Lichts zurück, wo Monde über schlanken Gerten leuchteten.
24Der König des Festes hielt ein wachsames Auge auf die Runde; erhoben sich Sorgen, bracht' er die widerspenstigsten zum Schweigen.
25Schon bringen die Sängerinnen den Anflug von Melancholie zum Schweigen, wenn sie die Saiten der Instrumente in Schwingung versetzen.
26Diese umarmt für mich die Laute, jene küsst ihre Flöte.
27Die Tänzerin zieht anmutig den Fuß an sich, im Takt der Hand, die das Tamburin schlägt.
28Schau auf die gelb-wächsern' Zweige, sie zeigen Dir ihre Blumen des Feuers.
29als ob sie auf Säulen ruhten in Reih und Glied, im symmetrischen Maße geordnet.
30Sie tragen Düsternis auf ihren Häuptern und zerreißen die Schleier mit ihrem Licht.
31Es scheint, als hetzen wir das Schicksal gegen sie auf, bis es ihr Leben vernichtet.
32Ich denke an Sizilien, das ich verließ, und die Erinnerung erleide ich mit großem Schmerz.
33Ich denke an ein Haus, in dem man ausgelassen feierte, wo geistreiche Menschen sich gerne aufhielten.
34Wenn ich aber aus dem Paradiese vertrieben wurde, wie könnte ich davon angemessen erzählen?
35Wenn nicht meine Tränen bitter schmeckten, ich würde glauben, sie seien die Flüsse im Paradies.
36Ich lachte mit 20 aus jugendlichem Übermut, mit 60 weint' ich über seine Sünden.
37Ich hoff', Du nimmst meine Verfehlungen nicht allzu ernst, denn Dein Herr ist stets der Allbarmherzige.
  1. Klöster als Ort des heimlichen Weingenusses (Vers 12) sind ein klassischer Topos der arabischen Khamriyya-Dichtung (Diyārāt-Literatur), da Weinherstellung im islamischen Kulturraum traditionell Christen vorbehalten war.
  2. Dārīn (Vers 14): Hafenstadt am Persischen Golf, berühmt für feinsten importierten Moschus (misk Dārīn) — ein fester Topos schon bei al-Mutanabbī und in der vorislamischen Dichtung.
  3. Dirhem/Dinar (Vers 16): Silber- bzw. Goldmünze; Schiaparelli lässt die Begriffe unübersetzt. Gemeint ist ein bewusst ungleicher Tausch.
  4. Bān (Vers 23, „schlanke Gerten"): hohe, schlanke Bäume als klassisches Schönheitsideal.
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