Zungen aus Feuer
Zungen aus Feuer › Qasiden und Qasidenfragmente

CCCXLVII — Er beschreibt einen Palast, gebaut von al-Manṣūr b. ʿAlnās

48 Verse, vollständig
1–13 Palastlob 14–17 Empfang & Türlöwen 18–24 Höfe & Löwenstatuen 25–36 Wasserspiele, Bäume & Vögel 37–45 Tore & Deckenschmuck 46–48 Schlusslob
Zum Kontext

Ein zweites Palastgedicht auf denselben Herrscher wie CCCXIV, al-Manṣūr ibn an-Nāṣir — mit mehreren direkten Selbstzitaten: Der Vergleich mit al-Ḫawarnaq, as-Sadīr und dem Īwān Kisrās (Vers 4–5) kehrt fast wörtlich aus CCCXIV wieder, und die Kollyrium-Metapher (Vers 2) reiht sich in dieselbe Bildkette wie CCLXIX (Vers 41) und CCCV (Vers 6) — Ibn Ḥamdīs greift für einen blendenden Glanz offenbar wiederholt auf sein eigenes Augensalben-Bildfeld zurück (siehe Augen, Licht, Blindheit). Auch die Türlöwen (14–17) und Beckenlöwen (21–24) nehmen die Löwen-Menagerie aus CCCXIV wieder auf, hier als Torwächter statt als Brunnenfiguren. Zwei Gedichte auf denselben Palast, mit sichtbar demselben Bildvorrat, aber nie identisch ausgeführt — ein seltener Einblick in Ibn Ḥamdīs' eigene Werkstattpraxis. Vers 30/31 enthält ein besonders dichtes Paradox: hakenförmige Zweige, die Vögel zugleich einfangen und festhalten — Jagen und Bewahren in einem Bild.

01Im Regierungspalast hast Du deinen Versammlungssaal gebaut, seine Wände beherbergen deinen Ruhm.
02Ein Palast — würdest Du aus seinem Glanz Kollyrium rührn für einen Blinden, er kehrte sehend davon wieder heim.
03Sein Duft entspringt dem Sinn des Lebens, und es fehlt nicht viel, dass er die Auferstehung der Gebeine herbeiführt.
04Wenn man darüber nachdenkt, vergisst man leicht, wie schön und elegant er ist — er erhebt sich über al-Ḫawarnaq und as-Sadīr.
05Wenn man seine Schönheit mit der des Īwān Kisrās messen würde, daneben schiene jener unbedeutend.
06Seine Pavillons — selbst die Perser hätten solche nicht vermocht zu bauen, waren sie doch selbst fähige Erbauer von Palästen.
07Jahrhunderte vergingen über die Rūm, selbst sie bauten für ihren König nichts, was dem gliche oder auch nur ähnlich wäre.
08Du lässt uns ans Paradies denken, Du zeigst uns Säle und Pavillons, die Du errichtet.
09Im Werte wachsen die Werke der Guten, die dadurch das Paradies erhoffen — und Seidengewänder.
10Die Bösen werden auf den rechten Weg geführt, und ihre guten Werke lassen ihre Schuld vergessen.
11Himmelssphären lassen gar den Mond sinken und erheben al-Manṣūr als neuen Stern.
12Betrachtet hab ich ihn, und sah das Ungewöhnlichste, was man nur sehen kann, dann ging ich fort mit müdem Blick.
13Mir schien, als träume ich im Paradies, als ich darin den großen König sah.
14Die Mägde öffneten die Tore, ihr Knarren hieß die Gäste willkommen.
15Löwen an den Türen halten Ringe in den Fängen — Türklopfer —, im Maule meint man, würden sie zermalmt.
16Es scheint, als wären sie da, um ungewünschte Gäste vom Eintritt abzuhalten.
17Die Fantasien kreisen zügellos um ihn, ohne ihn jemals ganz zu erfassen.
18Seine Höfe sind mit Marmor gepflastert, Du glaubst, Du sähest Oberflächen aus Kristall mit Bändern weiß wie Kampfer.
19Ein Hof mit Perlenmosaiken — die Erde erscheint wie Moschus und Abīr, dessen Duftwerk sie verbreitet.
20Ersetzt den Sonnenaufgang Dir, erscheint Dir wie das Morgenrot, das über dem Dickicht des Dunkels strahlt.
21Löwen ducken sich im herrschaftlichen Dickicht, wo man das Flüstern des fließenden Wassers für Gebrüll hält.
22Es scheint, als umhülle pures Gold die Körper und lässt das Wasser aus ihren Mündern fließen.
23Löwen, deren Starre wie natürliche Bewegung erscheint, als ob der Bildhauer sie dort so vorgefunden hätte.
24Als würden sie sich ihrer Grausamkeit erinnern, auf dem Gesäße sitzend, um unverwandt hervorzuspringen.
25Die Sonne lässt ihre Farben strahlen. Du glaubst, sie seien aus Feuer und die leckenden Zungen aus Licht.
26Es scheint, als zögen sie Schwerter aus den Bächen, die sich ohne Feuer verflüssigen und zu einem Teich werden.
27Es scheint, als würde eine luftige Rüstung aus Wasser um ihn gewebt, ein kunstvoll gewirktes Gewebe.
28Und schau diese außergewöhnlichen Früchte! Um sie zu sehn, überqueren meine Augen ein übervolles Meer der Wunder.
29Es sind Pflanzen aus Gold, die wie Zauber wirken, die in der Seele tiefe Spuren lassen.
30Ihre Zweige sind zu Haken gekrümmt, als fischten sie die Vögel vom Boden zu sich empor,
31und hindern jene, die von den Ästen herabsteigen wollen, sich fortzubewegen und zu entkommen.
32Siehst Du den Schnabel der Vögel, aus quell-klarem Wasser wie sprudelndes Silber erscheint es Dir.
33Sprachlos. Zählen sie doch zu den beredten, und wenn sie singen, zwitschern und pfeifen sie mit dem Wasser.
34Es scheint, als flösse von jedem Zweig ein Faden aus flüssigem Silber.
35Im Becken, in das seine Tropfen fallen, löst sich der Faden zu Perlen auf dem Smaragd.
36Ihre Schönheit lacht für dich, als ob die leuchtenden Sterne ihnen wie weiße Zähne gegeben wären.
37Schau auf die Tore, verkleidet mit Gold, ihr Schmuck sticht heraus aus seinesgleichen.
38Goldene Nägel ragen rund hervor, auf Brüsten wohlgeformter Mädchen.
39Die Sonne verdecken sie mit goldgelbem Stoff, der mir den tränenreichen Blick verwehrt.
40Betrachtest Du die Decke mit nie gesehenem Schmuck, erkennst Du einen blühenden Garten im Himmel.
41In Staunen versetzen Dich die Schwalben aus Gold, flattern und bauen die Nester auf dem Giebel.
42Dort nutzen die Künstler die Pinsel und zeigen Dir Formen von jedwedem Jagdwild.
43Als hätte die Sonne dort ihr eigenes Farbtöpfchen, zeichneten sie damit die Ornamente und Pflanzen.
44Es scheint, als wäre im Verputz der Decke ein Gewebe geformt aus Lapislazuli, aus Fugen.
45Als hätte sie ihm einen Mantel darüber gewebt und nur den Platz für seine Schärpe ausgespart.
46O König der Erde, dem der König der Himmel gegen die Feinde beisteht.
47Wie viele königliche Paläste auch zuvor bestanden, sie stehen deinen Palästen nach.
48Du hast sie erbaut. Du warst ihr absoluter Herrscher und hast alle Feinde ausgetilgt.
  1. Kollyrium — Augenheilmittel; vgl. CCLXIX, Vers 41 und CCCV, Vers 6.
  2. Al-Ḫawarnaq und as-Sadīr — sagenumwobene Paläste der Lachmiden bei al-Ḥīra, Sinnbilder königlicher Pracht; vgl. CCCXIV, Vers 2. Ebenso der Īwān Kisrās, vgl. CCCXIV, Vers 3.
  3. Wišāḥ (arab. „Schärpe, mit Edelsteinen besetztes Band"): Schiaparelli lässt das arabische Wort im italienischen Text stehen; hier sinngemäß übersetzt als „Bänder weiß wie Kampfer".
  4. ʿAbīr: klassisch eine wohlriechende Duftmischung, häufig unter Beimischung von Safran; später auch allgemein Wohlgeruch, Duft oder Duftstoff.
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