Zungen aus Feuer
Der Diwan des ʿAbd al-Jabbār ibn Ḥamdīs, aus dem Italienischen neu übertragen

Zungen aus Feuer

Ibn Ḥamdīs (Syrakus, um 1056 – Ifrīqiya/al-Andalus, nach 1132) war der letzte große Dichter des arabischen Sizilien. Er verließ die Insel als junger Mann, kurz bevor sie endgültig an die Normannen fiel, und beklagte sie sein ganzes langes Exil hindurch als verlorenes Paradies. Diese Seite versammelt Übertragungen einzelner Gedichte aus seinem Diwan — nach der italienischen Ausgabe von Celestino Schiaparelli (1897/1998) — mit Anmerkungen zu Bildern, Stoffen und offenen Fragen, die sich beim Übersetzen ergaben.

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Qasiden und Qasidenfragmente

qaṣīda

Die klassische Langform durchläuft in einem einzigen Gedicht oft mehrere Register — Erinnerung, Liebe, Wein, Alter —, bevor sie ihr eigentliches Ziel (den ġaraḍ) erreicht: entweder das Lob eines namentlich genannten Patrons, oder eine kollektive Heimat- und Selbstbehauptungsklage ohne einen solchen Adressaten. Diese Hybridität erschwert eine trennscharfe Einordnung — typische Ghazal-Elemente wie Liebe, Wein, Alter oder Exil tauchen deshalb auch in den folgenden Gedichten auf, obwohl sie nach ihrem übergeordneten Zweck hier einsortiert sind. Die „Aufbau"-Zeile zeigt jeweils, welcher Versbereich zu welchem Register gehört.

Panegyrik

Lob eines namentlich genannten Herrschers oder Patrons.

CXXXVIII — Lob des Emirs ʿAlī ibn Yaḥyā

61 Verse · datiert 512 n. H. / 1118 n. Chr.
1–20 Weindichtung 21–28 Herrscherlob (Freigebigkeit) 29–40 Kriegerlob 41–50 Seeschlacht / Griechisches Feuer 51–61 Private Klage
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Die arabische Originalüberschrift datiert das Gedicht präzise: „Er dichtete zu seinem Lob und erzählte die Geschichte der Ḥarrāqa (des Feuerschiffs), die er von Mahdia aussandte zum Kampf gegen die Schiffe, die von Sizilien nach Qābis [Gabès] kamen. Und er beglückwünschte ihn zur Rückkehr der Schiffe nach Mahdia … Es war das Jahr fünfhundertzwölf." Das entspricht dem historisch belegten Zirid-Sieg über eine von Roger II. entsandte normannische Flotte vor Gabès, 1118. Der Schluss (51–61) wendet sich unvermittelt von der Schlachtbeschreibung zu einer sehr persönlichen, ökonomisch grundierten Klage über die eigene Vergänglichkeit — möglicherweise bewusst changierend zwischen Anrede an den Emir und an Gott (Vers 55, mawlānā, trägt im Arabischen beide Bedeutungen zugleich).

01Du Glücklicher! Dir präsentieren sie eine großzügige Braut, von beinah spröder Zurückhaltung.
02Wird er gemischt, wirst du ihn anschmiegsam finden, so gibt sich eine zurückhaltende Frau hin, wenn man ihr den Hof macht.
03Ich erkenne: Wein ist Dreh- und Angelpunkt aller Heiterkeit. Sie dreht sich um ihn beim morgendlichen Umtrunk.
04Die Gärten lachen, wenn sie ihn sehen, über ihnen weinen die Wolken, von Regen trächtig.
05Die Zweige erscheinen ihnen wie winkende Hände, deren Finger Ringe mit kleinen Gemmen tragen.
06Niemals zuvor hab ich Schwerter gesehen, die, wenn man sie zieht, Perlen verstreuen;
07noch Feuerstein auf Stahl, die dem Feuerzeuge gleich, Tropfen statt Funken versprühen.
08Schau sie dir an, die den entkorkten Roten Dir einschenkt, ihre Satteldecke ist das Pech.
09Seine berauschende Kraft lässt dich stolpern, und du lobst ihn, obwohl das Stolpern verwerflich ist.
10Um aufrecht zu bleiben im geselligen Kreis, mäßigt man ihn mit Wasser, aus seinen Flanken sprühen Funken in jede Richtung.
11Ich aber sage: Oh wie das Feuer lacht und die Zähne des Wassers zeigt.
12Du empfängst die Sonne Deines Lebens von einer Gazelle, geschmückt mit Ketten und Armreifen.
13Sie zeigt sich mit schmachtenden Blicken, damit die Liebe erwache, die heimlich lodert in Dir.
14Du bist das Ziel der Verführung der weiß-schwarzen Augen in einer Mischung aus Trägheit und Schönheit.
15Na los. Nimm Dir das rubinrote Wasser, in dem die leeren Perlen schweben.
16Sie wird dir einen Jasmin-Garten zeigen, in der Mitte ihre Granatblüte.
17Wenn Verdünnen mit Wasser die Farbe dann lichtet, verschwindet das Rot und erscheinet der Glanz.
18Ein Redner vertreibt uns mit sanfter Stimme die Müdigkeit — die Weinschenke ist seine Kanzel.
19Die Nacht haucht ihre letzten Züge aus, wenn an den Grenzen der Tag heranwächst.
20Lass das berauschende Gold, das die Sorgen verjagt, weiter die Runde machen. Sei nicht besorgt, wenn die Besitztümer der Nacht zerrinnen.
21So groß ist der Reichtum des ʿAlī — der Segen aus seiner Rechten reicht, dass niemand Elend fürchten muss.
22Dies ist der König, nach dessen Willen tosen die unendlichen Meere und Wüsten.
23Hoch erhebt er sich auf der Schwelle seiner Tugenden, die leuchtenden Sterne — in seinem Himmel sind sie ihm nah.
24Er hat seine Wurzeln in der edlen Sippe der Ḥimyar, weshalb sein Stamm und seine Zweige herausragend.
25Seine rechte Hand teilt unendliche Wohltaten aus, Geschenke vielfältigster Art, und sie steht nur im Wettstreit mit der linken.
26Die Gaben aus seiner Hand — jeder, der zu ihm kommt, profitiert davon. Das Meer — viel kleiner scheint's in seiner Fülle als seine Hände.
27Sein Feuerstab entzündet unermessliche Glut, sollt ein anderer erlöschen — er ist der Zunder für mehr.
28Und gibt er auch Tausend, bevor er sie spendet, entschuldigt er sich, es seien zu wenig.
29Besonders zerstörerisch ist er, wenn seine Lanzen und Schwerter die Feinde treffen.
30Er schreitet voran, und hinter ihm fanden die tapferen Feinde ihr Verderben in der Tränke des Todes.
31Wie den Löwen ihr Fell zum Mantel gereicht, so werden den Kämpfern die eisernen Maschen zum Fell.
32Die eisernen Maschen umhüllen sie, das Feuer härtet sie für die Schlacht.
33Sein Heer stürzt mitten hinein ins Gewühl, die Sterne seines Himmels sind Speerspitzen, durstig nach Blut.
34Wenn sie in die feindlichen Köpfe dringen, fließt das Blut in Strömen.
35Wenn der Himmel seine Horizonte in Finsternis kleidet, dann besteht jene Dunkelheit aus aufgewirbeltem Staub.
36Man sieht Geier in der Luft schweben, wann immer sich Staubwolken bilden.
37Dein Geist strahlt wie die Schärfe deiner Schwerter, deine Absicht ist so durchdringend wie ihr Schnitt.
38Für dich erstrahlt die siegreiche Religion des Islam über die Religion der Christen.
39Du schützt das Recht zu Lande und zur See mit einem Schwert, durch das die Vernichtung ihren Lauf nimmt.
40Gott gab Dir solch überlegene Einsicht, dass die Sonne Verzweiflung und Verachtung über sie brachte.
41Ich sah die Schiffe, die Griechisches Feuer schleuderten, welches Seelen der Christen vernichtet hat.
42Es schien, als ströme ein siedender Brodem aus den Rohren, der ihre Gesichter versengt.
43Und wenn er in die Brust der Barbaren drang und der Tod sich an sie heftete, brach ein tierisches Brüllen aus ihr hervor.
44Auf den Schiffen schaute man wie durch Spalten in einen Vulkan, sie konnten Dir einen Vorgeschmack geben auf das wirbelnde Höllenfeuer.
45Aus dem Bronzerohr schoss eine brennende Flut, das die Seelen der Barbaren austilgte.
46Und war sie entzündet, gab es weder Wasser noch irgendeine andere Macht, die sie hätte löschen können.
47Gott möge ihren Mut gegen sie selbst wenden. Sie haben einen Bund geschlossen, dessen Frucht Verderben war.
48Sie erschraken vor ihren Feinden, flüchteten, und nur in der Flucht entkamen sie lebend.
49Machten sich Flügel aus den Segeln ihrer Boote, die sich in den Wind legten und davonflogen.
50Es sind wohl ihre Kiesel gegen Berge geschmettert, die sie im Aufprall vernichtet haben.
51Sei gegrüßt, dessen Hand bei der Erfüllung von Wünschen, die für andere unerreichbar sind, freie Wahl hat.
52Deine Schiffe segeln unter einem glücklichen Stern, der an deiner ewig kreisenden Himmelssphäre steht.
53Für sie wehen die dienstbaren Winde, sind sie auf Kurs, beruhigt sich das Meer.
54Und was sie an mannigfaltigen Wohlgerüchen bringen, ist Herrscherlob: dieser Duft ist Ruhm für Dich!
55Ist es nicht unser Herr, der niemals aufhörte, freigebig zu sein — ihm wird jede noble Tat zugeschrieben?
56Ich sehe, dass jeder Wechsel in meinen Händen wertlos ward, wie die verschwund'ne Spur von einer Wohnstatt, die von der Dürr' ausgelöscht.
57Ich sah Sonnen, die zu Monden wurden — Monde in ihrer letzten Nacht.
58Zwischen Sonn' und Mond verging der Glanz, welch großer Unterschied — das mag man nicht am eignen Leib erfahren.
59Meine Flügel sind wie die eines Spatzen, und der gute Wein, in diesem Falle hilft er nicht.
60Meine Flügel — sie sind nur schwach. Wie solln sie mich erheben, wenn sie gar beschnitten sind.
61Gib mir geheilte Flügel wieder. Ansonsten werde ich es ohne versuchen — und abstürzen.
  1. Maglie degli usberghi (Vers 31/32): im arabischen Original zarad ad-durūʿ, „die Kettenglieder der Panzerhemden" — im italienischen Wort usbèrgo steckt über das Provenzalische ausberc das fränkische halsberge, ein Schutz für Hals und Nacken.

CCCXIV — Lob des al-Manṣūr b. an-Nāṣir

36 Verse
1–8 Palastbeschreibung 9–16 Orangenbaum-Wettstreit 17–28 Wasserspiele & Wunder 29–33 Löwen & Tiere am Becken 34–36 Säle & Sternenhimmel
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Al-Manṣūr ibn an-Nāṣir (reg. 1088–1105) war der sechste Herrscher der Hammadiden von Béjaïa (Algerien) und verlegte den Hof dorthin, wo sein Vater an-Nāṣir ibn ʿAlnās zuvor die Residenzstadt an-Nāṣiriyya gegründet hatte. Ibn Ḥamdīs besingt hier einen der Paläste und Gärten, die al-Manṣūr dort errichten ließ — eine der ausführlichsten Palast- und Garten-Ekphrasen des ganzen Diwan, mit einer eigenen kleinen Menagerie aus steinernen Löwen, einem wasserspeienden Giraffenbrunnen und sprechenden Vögeln.

01Zwischen dem Sternenglanz des Ruhms und des Aldebaran erhebt sich ein Palast, gebaut vom Architekten des Glücks.
02In seiner Schönheit stellt er al-Ḫawarnaq und as-Sadīr in den Schatten; seine Giebel überragen den Īwān Kisrās.
03Wenn Du die Anordnung seiner Säle bewundert und sie dir bewusst gemacht hast,
04gewähre al-Manṣūr den Preis der Erhabenheit — Kisrā Anūširwān steht dem eindeutig nach.
05Ein Palast kann geringer sein als sein Ruf; bei dem ist es nicht so, weder nach Schönheit noch nach Kunstfertigkeit.
06Wie aus durchsichtigen Perlen erbaut, blendet er die Augen mit lebhaftem Glanz.
07Niemand kann seine Zinnen besteigen, wenn nicht über die Stufen des Staunens.
08Verweile im Lande des an-Nāṣir, bewundere die Würde des Ortes, wie weit man mit Macht kommen kann.
09Im Garten — ein Paradies aus leuchtendem Grün — wirst Du umweht von duftendem Hauch.
10Wie glühende Kohlen erscheinen Orangen, als wärn sie aus Feuer erschaffen,
11als wärn sie Äpfel aus rotem Gold und die Zweige ihre Poloschläger.
12Wenn die Zitronatszitrone mit ihr in Wettstreit träte, würde sie sagen: „Lass davon ab. Lass die Zeichen des Wohlstands sich entfalten.
13Riechst Du an mir, hab ich den Duft des Geliebten, und die Farbe des Verliebten, wenn Du mich anschaust.
14Gewahre die Farbe — die Farbe jenes Verliebten, der dir die rotgefärbten Finger zeigt. Die Finger jeder Jungfrau wären wie meine."
15Das Wasser der Brunnen formt silberne Fäden, die zu kleinen Kaskaden zerschmelzen.
16Als läge dort eine in Wellen geäderte Klinge, hingeworfen am Tage der Schlacht von der Hand des Verzagten.
17Wie viele Bäume aus reinem Gold heben ihre Stämme hier empor zu deinem grenzenlosen Staunen.
18Welche Wunder. Sie besprengen die Gärten mit feinem Wasserstrahl, der aus Früchten und Zweigen versprüht.
19Darunter setzen sich Vögel, so niedlich und schön, dass es keine zwei davon gibt.
20Es sind scheue Vögel, die sich an der Beredsamkeit und der Klarheit der Sprache und der Darstellung versuchen.
21Und wenn sie es schaffen zu sprechen, unterhalten sie sich murmelnd wie ewig rinnendes Wasser.
22Als hätte der Schöpfer eine ihm eigene Kunst, durch welche das Unbelebte sich stolz über lebendige Materie erhebt.
23Aufrecht stehen sie über ihrem Becken, als hielte mich ihr Wunder im Staunen gefangen.
24Sie glauben wohl, dass die Süße ihres Wassers wie Honig sei, den sie mit der Zunge probieren.
25Dort gibt es sogar eine Giraffe. Durch die Nüstern fließt Wasser, es stellt seinen Strahl zur Schau, als würde er fliegen.
26Steht dort fest wie eine Lanze, durchbohrt sie die Rüstung — merkst Du, dass die Spitze gekrümmt ist.
27Es scheint, als drohe sie dem Himmel mit einem Feuerstahl, aus dem Perlen um Perlen hervorschießen.
28Würde sich dieses Wasser in Naphtha verwandeln, hätte es durch die Luft die Kleider der Wolken entzündet.
29An den Rändern des Beckens stehn Löwen, demütig gebeugt vor der Macht des Fürsten.
30Sie wirkten, als wollten sie die Menschen bedrohn — den Körpern wurden daher die Seelen genommen.
31Die Kühle des Wassers scheint ein Feuer zu löschen, das ihre Wildheit entzündet.
32Es scheint, dass die Schlangen, die aus den Löchern kriechen, sich in den Teich stürzen sollen.
33Die Fische scheinen vor ihnen keine Angst zu haben, als ob al-Manṣūr persönlich für ihre Sicherheit bürge.
34Wie viele Räume, in denen die Heiterkeit wie im Zirkus wetteifert mit den Rössern des Scherzes.
35Dort zeigen die Statuen ihre anmutigen Wangen, und man glaubt sich im Prunksaal des Ghumdān-Palastes.
36Im Hintergrund seines Himmels stehen die Planeten — ihre Kuppeln gebaut wie die himmlischen Sphären.
  1. Aldebaran (ad-Dabarān, „der Nachfolgende"): folgt am Himmel den Plejaden; kann in der arabischen Dichtung für unerfüllte Sehnsucht und Beharrlichkeit stehen.
  2. Al-Ḫawarnaq und as-Sadīr: sagenumwobene Paläste der Lachmiden bei al-Ḥīra (Irak), Sinnbilder königlicher Pracht. Der Īwān Kisrās (Ṭāq-e Kisrā) ist die monumentale Audienzhalle des sasanidischen Königspalastes in Ktesiphon.
  3. Kisrā Anūširwān: der sasanidische Herrscher Chosrau I.; „Kisrā" ist die arabisierte Herrscherbezeichnung, kein Eigenname.
  4. An-Nāṣir ibn ʿAlnās (reg. 1062–1088): Vater al-Manṣūrs, Gründer von Béjaïa/an-Nāṣiriyya.
  5. Sawlaǧān: Poloschläger, ein gebogener Schlagstock für das Polospiel.
  6. Vers 13/14 nutzt im Original die im Ghazal übliche grammatische Ambiguität der Geliebtenanrede (amato/innamorato) — ob Mann oder Frau gemeint ist, bleibt offen oder changiert bewusst.
  7. Ghumdān: ein sagenumwobener vorislamischer Palast in Sanaa (Jemen), in der arabischen Dichtung Inbegriff prachtvoller Architektur.

CCCXVII — Über die eigene Dichtkunst (Auszug)

Verse 31–34
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Schiaparelli lässt den arabischen Fachbegriff ṣanʿa („kunstvolle Verfertigung" — ein zentraler Terminus der klassischen arabischen Literaturkritik) unübersetzt im italienischen Text stehen.

31Ein Lobgesang, verfasst mit eleganter Kunstfertigkeit (ṣanʿa), als läge sie mir selbst auf der Zunge.
32Ich mische unter die Blüten der Erfindung einen Duft, der Feinheiten des Geistes verströmt.
33Die Dichtung schleicht sich in die Seele ein, aber nicht auf die Art, wie Wein und Klänge es tun.
34In ihr wetteiferte ich im Lauf mit dem Wind, nachdem ich meine langen Zügel ergriffen hatte.

CCCXLVII — Er beschreibt einen Palast, gebaut von al-Manṣūr b. ʿAlnās

48 Verse, vollständig
1–13 Palastlob 14–17 Empfang & Türlöwen 18–24 Höfe & Löwenstatuen 25–36 Wasserspiele, Bäume & Vögel 37–45 Tore & Deckenschmuck 46–48 Schlusslob
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Ein zweites Palastgedicht auf denselben Herrscher wie CCCXIV, al-Manṣūr ibn an-Nāṣir — mit mehreren direkten Selbstzitaten: Der Vergleich mit al-Ḫawarnaq, as-Sadīr und dem Īwān Kisrās (Vers 4–5) kehrt fast wörtlich aus CCCXIV wieder, und die Kollyrium-Metapher (Vers 2) reiht sich in dieselbe Bildkette wie CCLXIX (Vers 41) und CCCV (Vers 6) — Ibn Ḥamdīs greift für einen blendenden Glanz offenbar wiederholt auf sein eigenes Augensalben-Bildfeld zurück (siehe Augen, Licht, Blindheit). Auch die Türlöwen (14–17) und Beckenlöwen (21–24) nehmen die Löwen-Menagerie aus CCCXIV wieder auf, hier als Torwächter statt als Brunnenfiguren. Zwei Gedichte auf denselben Palast, mit sichtbar demselben Bildvorrat, aber nie identisch ausgeführt — ein seltener Einblick in Ibn Ḥamdīs' eigene Werkstattpraxis. Vers 30/31 enthält ein besonders dichtes Paradox: hakenförmige Zweige, die Vögel zugleich einfangen und festhalten — Jagen und Bewahren in einem Bild.

01Im Regierungspalast hast Du deinen Versammlungssaal gebaut, seine Wände beherbergen deinen Ruhm.
02Ein Palast — würdest Du aus seinem Glanz Kollyrium rührn für einen Blinden, er kehrte sehend davon wieder heim.
03Sein Duft entspringt dem Sinn des Lebens, und es fehlt nicht viel, dass er die Auferstehung der Gebeine herbeiführt.
04Wenn man darüber nachdenkt, vergisst man leicht, wie schön und elegant er ist — er erhebt sich über al-Ḫawarnaq und as-Sadīr.
05Wenn man seine Schönheit mit der des Īwān Kisrās messen würde, daneben schiene jener unbedeutend.
06Seine Pavillons — selbst die Perser hätten solche nicht vermocht zu bauen, waren sie doch selbst fähige Erbauer von Palästen.
07Jahrhunderte vergingen über die Rūm, selbst sie bauten für ihren König nichts, was dem gliche oder auch nur ähnlich wäre.
08Du lässt uns ans Paradies denken, Du zeigst uns Säle und Pavillons, die Du errichtet.
09Im Werte wachsen die Werke der Guten, die dadurch das Paradies erhoffen — und Seidengewänder.
10Die Bösen werden auf den rechten Weg geführt, und ihre guten Werke lassen ihre Schuld vergessen.
11Himmelssphären lassen gar den Mond sinken und erheben al-Manṣūr als neuen Stern.
12Betrachtet hab ich ihn, und sah das Ungewöhnlichste, was man nur sehen kann, dann ging ich fort mit müdem Blick.
13Mir schien, als träume ich im Paradies, als ich darin den großen König sah.
14Die Mägde öffneten die Tore, ihr Knarren hieß die Gäste willkommen.
15Löwen an den Türen halten Ringe in den Fängen — Türklopfer —, im Maule meint man, würden sie zermalmt.
16Es scheint, als wären sie da, um ungewünschte Gäste vom Eintritt abzuhalten.
17Die Fantasien kreisen zügellos um ihn, ohne ihn jemals ganz zu erfassen.
18Seine Höfe sind mit Marmor gepflastert, Du glaubst, Du sähest Oberflächen aus Kristall mit Bändern weiß wie Kampfer.
19Ein Hof mit Perlenmosaiken — die Erde erscheint wie Moschus und Abīr, dessen Duftwerk sie verbreitet.
20Ersetzt den Sonnenaufgang Dir, erscheint Dir wie das Morgenrot, das über dem Dickicht des Dunkels strahlt.
21Löwen ducken sich im herrschaftlichen Dickicht, wo man das Flüstern des fließenden Wassers für Gebrüll hält.
22Es scheint, als umhülle pures Gold die Körper und lässt das Wasser aus ihren Mündern fließen.
23Löwen, deren Starre wie natürliche Bewegung erscheint, als ob der Bildhauer sie dort so vorgefunden hätte.
24Als würden sie sich ihrer Grausamkeit erinnern, auf dem Gesäße sitzend, um unverwandt hervorzuspringen.
25Die Sonne lässt ihre Farben strahlen. Du glaubst, sie seien aus Feuer und die leckenden Zungen aus Licht.
26Es scheint, als zögen sie Schwerter aus den Bächen, die sich ohne Feuer verflüssigen und zu einem Teich werden.
27Es scheint, als würde eine luftige Rüstung aus Wasser um ihn gewebt, ein kunstvoll gewirktes Gewebe.
28Und schau diese außergewöhnlichen Früchte! Um sie zu sehn, überqueren meine Augen ein übervolles Meer der Wunder.
29Es sind Pflanzen aus Gold, die wie Zauber wirken, die in der Seele tiefe Spuren lassen.
30Ihre Zweige sind zu Haken gekrümmt, als fischten sie die Vögel vom Boden zu sich empor,
31und hindern jene, die von den Ästen herabsteigen wollen, sich fortzubewegen und zu entkommen.
32Siehst Du den Schnabel der Vögel, aus quell-klarem Wasser wie sprudelndes Silber erscheint es Dir.
33Sprachlos. Zählen sie doch zu den beredten, und wenn sie singen, zwitschern und pfeifen sie mit dem Wasser.
34Es scheint, als flösse von jedem Zweig ein Faden aus flüssigem Silber.
35Im Becken, in das seine Tropfen fallen, löst sich der Faden zu Perlen auf dem Smaragd.
36Ihre Schönheit lacht für dich, als ob die leuchtenden Sterne ihnen wie weiße Zähne gegeben wären.
37Schau auf die Tore, verkleidet mit Gold, ihr Schmuck sticht heraus aus seinesgleichen.
38Goldene Nägel ragen rund hervor, auf Brüsten wohlgeformter Mädchen.
39Die Sonne verdecken sie mit goldgelbem Stoff, der mir den tränenreichen Blick verwehrt.
40Betrachtest Du die Decke mit nie gesehenem Schmuck, erkennst Du einen blühenden Garten im Himmel.
41In Staunen versetzen Dich die Schwalben aus Gold, flattern und bauen die Nester auf dem Giebel.
42Dort nutzen die Künstler die Pinsel und zeigen Dir Formen von jedwedem Jagdwild.
43Als hätte die Sonne dort ihr eigenes Farbtöpfchen, zeichneten sie damit die Ornamente und Pflanzen.
44Es scheint, als wäre im Verputz der Decke ein Gewebe geformt aus Lapislazuli, aus Fugen.
45Als hätte sie ihm einen Mantel darüber gewebt und nur den Platz für seine Schärpe ausgespart.
46O König der Erde, dem der König der Himmel gegen die Feinde beisteht.
47Wie viele königliche Paläste auch zuvor bestanden, sie stehen deinen Palästen nach.
48Du hast sie erbaut. Du warst ihr absoluter Herrscher und hast alle Feinde ausgetilgt.
  1. Kollyrium — Augenheilmittel; vgl. CCLXIX, Vers 41 und CCCV, Vers 6.
  2. Al-Ḫawarnaq und as-Sadīr — sagenumwobene Paläste der Lachmiden bei al-Ḥīra, Sinnbilder königlicher Pracht; vgl. CCCXIV, Vers 2. Ebenso der Īwān Kisrās, vgl. CCCXIV, Vers 3.
  3. Wišāḥ (arab. „Schärpe, mit Edelsteinen besetztes Band"): Schiaparelli lässt das arabische Wort im italienischen Text stehen; hier sinngemäß übersetzt als „Bänder weiß wie Kampfer".
  4. ʿAbīr: klassisch eine wohlriechende Duftmischung, häufig unter Beimischung von Safran; später auch allgemein Wohlgeruch, Duft oder Duftstoff.

CCCLVI — Lob des Richters Abū-l-Ḥasan ʿAlī b. al-Qāsim b. ʿAšra (Fragment)

12 Verse, Fragment
1–6 Lob des Richters 7–12 Das Meer als Gegenbild
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Das Manuskript nennt das Stück eine panegyrische Qaside; erhalten ist ein Fragment aus einer langen Qaside, gerichtet nicht an einen Herrscher, sondern an einen Richter (Qāḍī). Auf das Lob des Gelehrten und Gebers (Vers 1–6) folgt ein Meeresbild (Vers 7–12): Das tobende, schiffeverschlingende Meer dient als negatives Gegenbild des Gönners, der Hoffnung öffnet, wo das Meer Türen mit den Ketten des Sturms verschließt, und dessen Weisheit als Perle den Wert behält, den das Meer verliert.

01Oh Qadi von scharfem, durchdringendem Geist, Fackel des rechten Lebens, der das Unrecht klar beschreibt.
02Oh Berg des Wissens, an dessen Fuß sich uns ein sanfter Anstieg an seinen Flanken zeigt.
03Ich bereiste die Erde auf den braunen Streitrössern der Liebe, und eine solche Reise besteht man weder auf Grautier, trabendem Kamel oder zu Fuß.
04Gäbe es nicht die Zuflucht des ibn-Qasim, Spender des Reichtums, man hätte bei keinem Großzügigen Rast machen können.
05Seine Besitztümer waren hier und dort verstreut, er verschenkt, als wäre die Freigebigkeit ein Wahn.
06Welch Sicherheit und Ruhe kann man noch haben, wenn man über seinem Haupt ein gezücktes Schwert fürchtet, in der Hand eines, der seinen Tod will.
07Das Meer gerät in Raserei und schäumt, wie Kamele, die spucken und geifern aus ihrem Maul.1
08Weswegen Du entkommst, während es seine Schiffe sinken lässt, und Du beschenkst jenen, der sich an Dich wendet, während er Dir nichts gibt.
09Und Du öffnest die Tür zur Hoffnung, und seine Tür ist oft verschlossen durch die Ketten des Sturms.
10Von ihm wird das Ruder der Schiffe weggerissen, während Du nie den Boden derer unter den Füßen wegreißt, die sich an Dich wenden.
11Deine Weisheit ist eine Perle, die keinen Preis hat, während sein Wert mal steigt, mal sinkt.
12Sie ist wie süßes Wasser, trinkbar, wegen Deiner Umgangsformen, die Du pflegst, finden sie in Deinem Hause Nahrung.
  1. Šaqāšiq (Vers 7): der Gaumensack des Kamels, den brünstige Hengste schäumend aus dem Maul stülpen.

Heimat, Exil und Selbstbehauptung

Kein einzelner Patron wird gelobt; das Gedicht zielt auf die eigene Gemeinschaft, die verlorene Heimat oder das eigene Leben.

CX — Er rühmt sich in Erinnerung an vergangene Tage

Diwan Nr. 110 nach Iḥsān ʿAbbās · 37 Verse
1–4 Alter & Jugend 5–27 Weingelage 28–31 Kerzen-Ekphrasis 32–37 Sizilien-Klage
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Das berühmteste Gedicht des gesamten Diwan, jetzt vollständig übertragen. Bezeugt unter anderem durch al-Ḥimyarī, der Anfangs- und Schlussvers in seinem geographischen Werk al-Rawḍ al-Miʿṭār anführt. Die Nönnchen-im-Kloster-Passage (Vers 12–15) gehört zur sogenannten Diyārāt-Literatur — dem klassischen Topos vom heimlichen Weingenuss bei Christen, da Weinherstellung im islamischen Kulturraum traditionell ihnen vorbehalten war.

01Meine Seele hat sich ausgetobt in ihrer Jugend, das graue Haar des Alters brachte Vernunft.
02Gewiss. Für sie wurden die Pfeile der Liebe verlost und verteilt in verschieden großen Losen.
03Die Zeit pflanzt niemals Bäume, deren Früchte sie nicht erntet.
04Im Krieg habe ich die Waffen der Zeit unbrauchbar gemacht und sie für den Frieden umgeschmiedet.
05Schau das Pferd, das ausgelassen mit dem Jungen spielt, als er es im Spaß zu voltigieren anspornt.
06Den Kelch, aus der Amphor' bekommt er ihn eingeschenkt. Was er enthält? Du würdest sagen, es sei sein Hippodrom.
07Du siehst eine Frau, die den Wein reicht, mit ihren Händen schließt sie die Knöpfe am Halse der Gazelle.
08Sie verteilt in der Runde Rubine und Perlen und taucht ins Wasser der einen das Feuer der andern.
09Junge aufrechte Menschen wie leuchtende Sterne, von edler und großzügiger Neigung.
10Sie reichen den Wein herum, im Kelche verbreiten sie den Glanz in der Dunkelheit der Nacht.
11Es scheint, als bergen ineinander verwobene Blasen zwei Netze, die sie nicht entkommen lassen.
12Sieh da, ein Nönnchen, das ihr Kloster verriegelt hat. Im Schutz der Nacht kamen wir dennoch, sie zu besuchen.
13Der Duft eines Weines, der deiner Nase seine Geheimnisse offenbart, führte uns zu ihr.
14Man wird den Moschus dort nicht finden, nur einen jungen Mann. Der geht den weiten Weg nach Dārīn — oder einfach zu ihr.
15Der pechschwarze Wein in den Amphoren — bei ihr werden sie zu Moschusbläschen.
16Ich warf in die Waage mein Silber (Dirhem), sie zapft' aus der Amphore ihr Gold (Dinar).
17Wir baten sie um die Hand von vier ihrer Kinder, um der Jungfrauen Blumen zu pflücken,
18beinahe Weltaltern gleich, seit die Sterne leuchten.
19Ihre jungen Bräute zeigen Dir die langen Arme, amphorengleich an ihre Seiten gelegt.
20Wer eine gute Nase hat, erkennt sofort die Besten und wählt sie am Geruch.
21Ein junger Mann studierte wohl die Weine, kennt daher stets die Herkunft und das Alter,
22von jedem Wein, den du willst, und zählt dir die Jahre und die Namen der Händler.
23Wir kehrten in den Kreis des Lichts zurück, wo Monde über schlanken Gerten leuchteten.
24Der König des Festes hielt ein wachsames Auge auf die Runde; erhoben sich Sorgen, bracht' er die widerspenstigsten zum Schweigen.
25Schon bringen die Sängerinnen den Anflug von Melancholie zum Schweigen, wenn sie die Saiten der Instrumente in Schwingung versetzen.
26Diese umarmt für mich die Laute, jene küsst ihre Flöte.
27Die Tänzerin zieht anmutig den Fuß an sich, im Takt der Hand, die das Tamburin schlägt.
28Schau auf die gelb-wächsern' Zweige, sie zeigen Dir ihre Blumen des Feuers.
29als ob sie auf Säulen ruhten in Reih und Glied, im symmetrischen Maße geordnet.
30Sie tragen Düsternis auf ihren Häuptern und zerreißen die Schleier mit ihrem Licht.
31Es scheint, als hetzen wir das Schicksal gegen sie auf, bis es ihr Leben vernichtet.
32Ich denke an Sizilien, das ich verließ, und die Erinnerung erleide ich mit großem Schmerz.
33Ich denke an ein Haus, in dem man ausgelassen feierte, wo geistreiche Menschen sich gerne aufhielten.
34Wenn ich aber aus dem Paradiese vertrieben wurde, wie könnte ich davon angemessen erzählen?
35Wenn nicht meine Tränen bitter schmeckten, ich würde glauben, sie seien die Flüsse im Paradies.
36Ich lachte mit 20 aus jugendlichem Übermut, mit 60 weint' ich über seine Sünden.
37Ich hoff', Du nimmst meine Verfehlungen nicht allzu ernst, denn Dein Herr ist stets der Allbarmherzige.
  1. Klöster als Ort des heimlichen Weingenusses (Vers 12) sind ein klassischer Topos der arabischen Khamriyya-Dichtung (Diyārāt-Literatur), da Weinherstellung im islamischen Kulturraum traditionell Christen vorbehalten war.
  2. Dārīn (Vers 14): Hafenstadt am Persischen Golf, berühmt für feinsten importierten Moschus (misk Dārīn) — ein fester Topos schon bei al-Mutanabbī und in der vorislamischen Dichtung.
  3. Dirhem/Dinar (Vers 16): Silber- bzw. Goldmünze; Schiaparelli lässt die Begriffe unübersetzt. Gemeint ist ein bewusst ungleicher Tausch.
  4. Bān (Vers 23, „schlanke Gerten"): hohe, schlanke Bäume als klassisches Schönheitsideal.

CCLXIX — Wüstenreise, Heimweh und Seekrieg

48 Verse
1–10 Beduinenreise 11–17 Heimwehklage 18–26 Grenzland-Kriegerlob 27–32 Seekrieg / Naphtha 33–39 Kriegerlob 40–48 Rückkehr zur privaten Klage
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Im Manuskript überschrieben: „Der Dichter erzählt von arabischen Beduinen, die ihm Weggenossen waren im Maghreb. Er erinnert sich voller Wärme an sein Vaterland. Er rühmt seine Landsleute aus Syrakus in Sizilien." Der Titel deckt allerdings nur einen Teil des Textes ab: Weder „Sizilien" noch „Syrakus" fallen im Gedicht selbst je beim Namen. Vermutlich ist die Reise durch die Berge und Wüsten Ifrīqiyas — mit Stationen wie der Festung Qalʿat Banī Ḥammād — eine Rückschau auf die reale Rückreise des jungen Dichters von Sevilla (nach dem Sturz seines Gönners al-Muʿtamid) über Marrakesch/Aghmat zurück in den Osten. Ob der Seekrieg-Block (18–39, mit auffälligen Wiederholungen wie dem Zähne-Motiv in V. 18 und V. 37) tatsächlich zur ursprünglichen Komposition gehört oder ein an anderer Stelle entstandenes, später eingefügtes Stück ist, lässt sich ohne den kritischen arabischen Apparat nicht sicher entscheiden.

01Zur Weide der weißen Schwerter wird das Feld der Schlacht, Feindesblut erblüht zu Blumen, die die Wiese lächelnd zur Schau stellt.
02Verwegen in der Schlacht tragen die Streitrösser sie hinweg über das vergossene Blut geschwungener Lanzen.
03Wie glänzende Sterne steigen sie herab in vorderster Front, versinken in Wolken aus Staub, aus denen es Blut regnet.
04Selbst Löwen fürchten sie und verlassen ihr Revier, wenn sie herabsteigen und ihre Zelte dort aufschlagen.
05Schau, wie die Luft bald aufleuchtet, bald sich verdunkelt — vom Leuchten der Lanzen und vom Staub der Schlacht, der sich erhebt.
06Beredt und erhaben ist ihr Schweigen am Anfang der Schlacht. Die Sprache der Schwerter können alle verstehen.
07Sie halten ihre Worte in Händen, wenn sie Hälse durchtrennen, als könnten diese Worte Gestalt annehmen.
08Wenn Schicksal und Tat in den Seelen der Tapferen eins werden im Krieg — dann sind sie ganz bei sich selbst.
09Beduinen — am treuesten sind sie in den Widrigkeiten ihrer Leidenschaft. Sie spornen ihre Pferde und Kamele zum Äußersten, Galopper von edlem Geblüt.
10Dort begleitete ich sie in die wilden, öden Gegenden, wo der Wolf heult und die Gazelle klagt.
11Benetze, oh Herr, mit süßen Tränen das Auge, das die Länder beweint, wo der Körper ein Herz hat — Sklave der Liebe.
12Länder, wo die leuchtenden Sterne mir im Aufgehen begegnet sind, aber die im Schlaf versunkenen nicht heilen konnten.
13Ein Land, in dem das Lächeln jede deiner Sorgen und der Genuss die Folgen allen Unheils auslöscht.
14Wie viele Freunde habe ich dort, mir aufrichtig verbunden, sie stehen mir bei, selbstlos, voll Eifer nur die Ehre suchend.
15Gießen Höflichkeit in die Hände der Gäste, wie sehr sie auch vor Kühnheit lodern mögen.
16Selbst wenn die tapfern Feinde fliehen, folgen sie ihnen noch, ihre unverletzlichen Schwerter heiligen in ihren Händen das Blut der Feinde.
17Um sie türmen sich die Wellen eines Meeres, die sie, so scheint es, mit einem glänzenden Panzer bekleiden — dessen Kettenringe von ihnen selbst fest gewoben sind.
18Wir sind die Söhne der Grenze, wir, deren Zähne lächeln, wann immer der Krieg sich finster zeigt.
19Von der Milch der Adern am Halse sind unsere Söhne aufgezogen, entwöhnt im Schoße der Schlacht.
20Wir bilden die Nachhut des zahlreichen Heeres. Die Vorhut ist dort, wo die Spitzen der braunen Lanzen zersplittern.
21Nenn mir die Zahl unserer Reiter? Jeder von uns zählt doppelt. Ein jeder von uns Tapferen gilt für ein ganzes Heer.
22Die Armee geht voran. Wir bleiben in der Nachhut, bereit, jedwedes Schicksal abzuwehren, das gegen uns vorrückt.
23Immer wieder hat sich das Kriegsglück gegen uns gewandt. Das schreckt uns nicht: nicht alle fallenden Sterne treffen.
24Am Tag der Schlacht werden durch das Traben unserer Pferde von Geiern bestickte Mäntel über uns gewebt;
25denn wenn ein Tapferer sein Schlachtross besteigt und es ins Getümmel der Schlacht wirft, verschafft er den Raubvögeln Nahrung.
26Da fliegt er mit lockeren Zügeln dahin, besiegt die Blitze im Lauf — niemand würde seine Überlegenheit bezweifeln.
27Wir schlugen die Feinde Gottes in ihrem eigenen Heim, mit einer Schar, die sich in den Abgrund des Todes stürzt.
28Unter Deck trugen die Schiffe die Tapferen mitten unter die Barbaren, rudernd wie Adler, die sich kreisend in den Lüften wiegen.
29Manche Schiffe sind trächtig, ohne je von einem Hengst besprungen zu sein. Sie gebären das Unheil an den Küsten der Rum.
30Andere sind zur Seeschlacht bestimmt; Schiffe gebaut für den schnellen Adler-Flug, Kämpfer, die mit Löwen wetteifern.
31An Bug und Heck sind Bögen angebracht, die Pfeile eingelegt.
32Sie schleudern Naphtha, das brennend auf dem Wasser treibt — gleich dem Muhl, mit dem in der Hölle die Gesichter verbrennen.
33Es sind Städte, die die Städte der Barbaren bekämpfen — jene werden mit Gewalt durch die Schwerter erobert und geplündert.
34Schau auf die Kämpfer, in ihren Hemden aus Eisen; wenn selbst die Tapfern im Kriege weichen, bleiben sie kühn.
35Es scheint, sie sähen in den Ebenen ein Trugbild, Kettenringe tragen sie wie Heuschreckenaugen am Leibe.
36Wir hielten dem Ansturm der Feinde stand, wie es Großmütige tun, und kosteten den Honig erst, nachdem wir den bitteren Apfel geschluckt.
37Die Schläge unserer Streiter lassen Wunden in ihnen, ihre Zähne werden angegriffen mit durchdringender Schneide.
38Denn das Eisen in unseren Händen ist bestimmt und beredt, in den Händen der Feinde aber — wird es stumm.
39Die Flügel der Fahnen, die über uns wehen, vom Blute der Tapfern gefärbt sind sie — rot wie Drachenblut.
40Durch leuchtende Wolken des Vaterlands erstrahlt kurz ein Blitz, er hat uns gegrüßt wie ein Jongleur mit den Fingern.
41Er treibt uns die Tränen ins Auge und salbt sie mit Kollyrium des Lichts — obwohl es dunkle Nacht ist.
42Oh wundersamer Besuch. Das Bild darin zeigt sich dem Auge — ein Trugbild entsteht und formt Fantasie.
43Er wohnte in Saqi ʿAbrah, im Grenzland der Wüste, ein Landstrich, vom Winde gepeitscht, der oft hier weht.
44Ich spüre den Atem, den scharfen Geruch der Wüste. Wer wagt, hierher zu kommen, muss verdorrtes Land und ausgedehntes Meer überwinden.
45Aurora, die Morgenröte, bringt Licht in die Finsternis, sie erscheint wie ein Rappen; die Brust gekleidet mit dem Schweiß des langen Ritts.
46Ich sehne mich nach meinem Vaterland, in dessen Staub die Glieder und Gebeine der Verwandten verfallen.
47Genauso sehne ich mich nach Zuhause, wohin ich erschöpft, durch Dunkel und auf falschen Wegen, vom Markte zurückkehre.
48Meine Hände sind leer von den Blumen der Jugend. Geblieben ist mir der Mund voll Erinnerung an die ersten Leidenschaften.

Ghazal und Liebesdichtung

ġazal

Kurze, überwiegend einthematische Stücke — Gazellenaugen, Speerblicke, die Zurückhaltung der Geliebten. Ibn Ḥamdīs bewegt sich hier durchweg im zurückhaltenden, naturbildhaft-sublimierenden Register der klassischen Konvention, nicht in der expliziteren mujūn-Tradition eines Abū Nuwās.

IV — Lied über die Liebe

7 Verse
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Die Geliebte verschwindet grundlos, urplötzlich, ohne ein auslösendes Signal — anders als beim klassischen Tagelied (Alba), das ein konkretes Nachtsetting und einen Wächter oder ein Morgenzeichen als Ursache der Trennung braucht (siehe dazu CCCV, wo diese Struktur tatsächlich vollständig vorliegt). Hier bleibt die Ursache offen; nur das Sonnenparadox in Vers 6 — eine Sonne, die dort untergeht, wo sie aufgeht — deutet die Trennung an, ohne sie zu erklären.

01Sie kam mich zu besuchen, trotz der Furcht vor Wächtern, sie erschien wie ein Zicklein, erschreckt vom Wolf.
02Der Kampfer war im Weiß ihrer Farbe, der Moschus im Duft ihres Parfums.
03Sie war im Begriff, einem von Liebeskummer Geplagten den Durst zu löschen, dem doch davon das Herz in Flammen stand.
04Durch einen kühlenden Bach, dessen Kiesel wie frische Perlen auf einen Faden gezogen.
05Aber als ich, wie ein scheuer Vogel, einen Schluck daraus schöpfen wollte,
06verschwand sie. Sprich also von einer Sonne, die dort untergeht, wo sie aufgeht.
07Ihr Zusammentreffen war kürzer als die Predigt eines Priesters.

CCLXVIII — Die Wohnstatt der Selma

13 Verse (Auszug)
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Im Manuskript ohne eigenen Titel. Eröffnet mit dem klassischen aṭlāl-Topos der vorislamischen Dichtung — der Anrede an die verlassene, verfallene Wohnstatt der Geliebten —, ein Motiv, das bis zu den Muʿallaqāt zurückreicht. „Selma" ist dabei kein biographischer Hinweis, sondern selbst Teil der Konvention: einer der geläufigsten stereotypen Geliebtennamen der arabischen Liebesdichtung, neben „Laila".

01O Wohnstatt der Selma — würdest du mir den Gruß erwidern, würde sich die Trauer um dich nicht mehr um einen von der Liebe Gequälten kümmern.
02Das Verschwinden deiner Spuren unter dem Zerfall weckt auf eigene Weise meine schlummernde Leidenschaft.
03Ich tadelte die Zeit für ihre Wechselfälle, die dich getroffen haben, und ich sage zu den Unglücksschlägen: Möget ihr taub sein.
04Und wer nach Nachricht fragt, dem begegnet in Wahrheit nur das Schweigen deiner Wohnstatt, nicht ein Wort.
05O Wolke, die du blitzend durch die Lüfte ziehst — sende ihr eines deiner Lächeln, weine über sie mit den Tränen der Wolken, und richte deine Wohnstatt dort ein, indem du einen Garten erblühen lässt, der das Siegel der Moschusblase bricht.
07Damit ich sähe, wie man die Gazellen der Wüste herbeiführt, zusammen mit den Gazellen der Zelte.
08Alle sind sie schlank von Wuchs, mit schmalen Kehlen, deren Schnitt sich mit dem jungen Ast verwechselt.
09Sie lassen die Augen kreisen, wie die geschminkten Augen der Ġulāmiyya, die vor Mattigkeit des Blicks fast krank erscheinen.
10Sie entzünden mit Amber und Aloeholz ihr rabenschwarzes Haar mit den dunklen Reflexen.
11Schwestern der Sonne, verschleiern sie ihre Münder, in denen die Brüder der Perlen wohnen und die Schwester des Weins.
12Könnte ich über jene verfügen, die an dem bewachten Ort wohnen, würde ich jedem, der eine Frau sucht, die Zügel überlassen.
13Dann sähe ich in jener Vereinigung, dass das Band der Liebe die Trennung nicht zu fürchten braucht.

Ġulāmiyya: am abbasidischen Kalifenhof (belegt seit al-Amīn, gest. 813) Sklavinnen, die man wie junge Männer kleidete und stylte, um sie als Sängerinnen und Mundschenkinnen bei Trinkgelagen auftreten zu lassen.

CCCII — Er sang von der Liebe

3 Verse
01Ihr Söhne des Krieges — die Söhne der Liebe unterscheiden sich nicht von Euch, wenn es darum geht, sich den Katastrophen der Zeit entgegenzustellen.
02Ihr in der Schlacht werdet niedergestreckt durch die Lanzen, jene aber unter den Schönen werden niedergestreckt von den Augen.
03Schärfer als die Schwerter der Schmiede sind für die Liebenden die Schwerter der Wimpern.

CCCIV — Er sang von der Liebe

4 Verse
01Schau sie dir an mit ihren schmachtenden Gazellen-Augen: Es scheint, als ob in ihnen der Zauber schlummert.
02Die Klinge ihrer Lanzenblicke hat als Speerschaft einen Zweig, wogend wie die Äpfel auf den Hügeln.
03Neidisch schaut der Speer auf den wohlgeformten Gazellen-Hals, sodass sich selbst die Sonne wundert, wie zum Stoße bereit er ist.
04Seufzend mit Blicken und Worten — eins wie's andere atmet die Liebe, die sich einschleicht durch Aug und Ohr.

CCCV — Er sang von der Liebe

21 Verse
1–13 Weindichtung 14–21 Liebesnacht / Tagelied
Zum Kontext — eine doppelte Lesart

Die einzige vollständige Alba-Struktur im bisherigen Korpus: ein explizites Nachtsetting, eine Liebesbegegnung, und mit den Tauben (Vers 18, „den Tod der Dunkelheit verkündeten") ein echtes Wächter-Äquivalent, das die Trennung kausal auslöst — anders als bei IV, wo die Geliebte ohne Signal verschwindet.

Zugleich erblindete Ibn Ḥamdīs, wie die biographische Überlieferung bezeugt (u. a. in einem eigenen Krankheitsgedicht, Diwan Nr. 124, das Granara übersetzt und kommentiert hat), gegen Ende seines Lebens an Trachom. Mehrere Details sind medizinisch-konkret, nicht nur poetisch: collirio (Vers 6) ist der Fachbegriff für Augensalbe, Kamillenblüten (Vers 9) ein reales Hausmittel gegen Augenleiden, und die Schlusspassage (18–20) spricht explizit von Benommenheit und dem Verlust der Fähigkeit, Rechts von Links zu unterscheiden. Gelesen im Licht dieser zweiten Ebene wird aus der Liebesnacht die Erzählung eines für Stunden zurückgewonnenen, dann wieder verlorenen Augenlichts. Siehe auch das Motiv Augen, Licht, Blindheit.

01Ich wies der Kritiker Tadel von mir und setzte jedem Zweifel Gewissheit entgegen.
02Und ich sprach: „Der Gott der Menschen vergibt den Schuldigen ihre Sünden."
03Ich krönte das Kräutergärtchen meiner strahlenden Jugend mit einem blühenden Park und quellfrischem Wasser.
04Im pechdunklen Wein erkennst Du: Erst vermischt mit Wasser, schmeichelt das Töchterlein der Rebe dem Geschmack.
05In unseren dunklen Nächten ritten feurige Reiter kühn zusammen mit lärmenden Zechern.
06Wie viele dunkle Nächte, von denen du glaubtest, sie hätten den Augen der Sehenden die Salbe der Finsternis gegeben,
07deren Meer angeschwollen war — und ich segelte auf Kelchen, die mir zu Schiffen wurden, um andere Ufer zu erreichen!
08Du glaubtest, die Finsternis im Innern der Nacht verberge uns das Antlitz des Lichts.
09Die Sterne im Dunkel erschienen wie Kamillenblüten grünender Gärten am Horizont.
10Es schien, als gäb es einen Feldherrn: vor Augen führt er dir seine Scharen und ließ sie aus dem Walde treten.
11Und dann dies Rot! Verströmt es doch den Duft des Abīr, hält Heiterkeit bereit für jenen traur'gen Mann —
12der alte rote Wein. Die Erde öffnet sich gereift. Zu Tage kommt die sprühende Heiterkeit. Vergraben war sie in ihm.
13Großgezogen von der Sonne, verbrachte er sein Leben im Schoß der Jahre.
14Mit ihm galoppiert' ich die ganze Nacht im Rausch und mit ihm beging ich das Morgengebet mit gesenktem Haupt.
15Und ohne Zögern zog ich meine Beute hervor, eine Jungfrau aus der Herde der Antilopen.
16Ihr Atem kam aus einer Brust wie Kampfer, kühl, makellos, schön durchwirkt von Düften.
17Und küsste man der Wangen rosigen Glanz, sah man Jasmin erblühen.
18Als die Tauben wie Klageweiber erschienen und den Tod der Dunkelheit verkündeten,
19blieb ich benommen — als Liebender der selbst dem andern die Sinne benimmt — bis ich vor Blindheit nicht mehr rechts noch links unterscheiden konnte.
20Die Traurigkeit stürzt sich mit mir in ein Meer aus Tränen und ließ den Preis der teuren Perlen dieser Augen sinken.
21Die Nacht erstaunt sich über den Verliebten, der im Lächeln weint über den weißen Sonnenaufgang.

CCCVI — Er sang von seiner jugendlichen Liebe

6 Verse
Zum Kontext

Die Geliebte stammt „aus einem königlichen Geschlecht der Rūm" — eine byzantinisch-griechische Herkunft, ungewöhnlich konkret für ein Ghazal. Der „Kampf ohne Waffen" (Vers 5–6) beschreibt, kaum verhüllt, den Vollzug der Liebesnacht selbst.

01Da war jene mit den Zöpfen, die nach Moschus dufteten, mit der ich all meine Wünsche erfüllte und nichts anderes mehr ersehnte.
02Zart, aber von stolzer Eigenliebe bestimmt, nutzte sie ihre Koketterie in jeglicher Weise.
03Trotzig, aus einem königlichen Geschlecht der Rūm, erhob sie sich, um einen kühnen Streiter von der Eroberung ihrer Festung abzuhalten.
04Mit einer Wange, auf der eine zarte Rose leuchtete, und mit einem zarten Zweig, der sich mit den Äpfeln wiegte.
05Zwischen uns entstand ein verbissener Kampf, in dem man weder Schwert noch Schild gebrauchte.
06Aus ihr kam die rote Seele hervor, aus mir floss die weiße.

Vers 6, „rote/weiße Seele": vermutlich eine sublimierte Beschreibung der Entjungferung — Blut und Samen als getauschte „Seelen", nicht wörtlich benannt.

CCCX — Er sang von der Liebe

5 Verse
Zum Kontext

Die klassische Trope der Liebeskrankheit (maraḍ al-ḥubb): Der Liebende brennt, weint, wird zum Schatten seiner selbst, und am Ende so entkörperlicht, dass ihn selbst der Tod nicht mehr findet — ein Gegenbeispiel zur biographischen Zusatzschicht von CCCV: hier bleibt alles im generischen Bildfeld der Gattung.

01Du lässt mich keinen Frieden finden zwischen zwei Elementen: dem Feuer meiner Eingeweide und dem Wasser meiner Augen.
02Du hast mir eine Krankheit angelegt, und ich sehe wohl, dass Du sie in meinen Augen erneuerst.
03Mein Körper ist nur noch Gespenst, und das Eintreiben meiner Lebensschuld lässt mich Dir immer näher kommen.
04Nun habe ich mich dem Einfluss des Leides entzogen und bin vor den Blicken sicher, derer die Groll gegen mich hegen.
05Sicher ist: Wenn ich dem Tode entsprungen bin, dann nur, weil er nicht weiß, wo ich bin.

CCCLVII — Fragment

1 Vers, Fragment
Zum Kontext

Ein einzelner Vers mit doppeltem Boden: Der Kohl (Kollyrium) vertieft die Schwärze des Auges, und zugleich wird aus dem Blick ein Pfeil, dessen ohnehin tödliche Spitze nun auch vergiftet ist. Hier wirkt das Kollyrium also nicht als Heilmittel, sondern als Waffe; man mag an Belladonna denken. Das Italienische setzt beide Halbverse in die Vergangenheit, die Übersetzung wählt das Präsens des zeitlos geltenden Bildes. Zur Gegenfigur — das Kollyrium als Mittel, das Blinde sehend macht — siehe Augen, Licht, Blindheit.

01Sie verstärkt die Schwärze des Auges, indem sie es mit Kollyrium benetzt. Die Spitze des Pfeils wird vergiftet, die an sich schon tödlich wäre.

Weindichtung

ḫamriyya

Der Wein, oft personifiziert als gealterter, aus der Erde geholter Greis oder als zurückhaltende Braut, die sich beim Mischen mit Wasser „hingibt".

CXIX — Weinbecher im strömenden Kreislauf

10 Verse
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Beschreibt einen Garten mit kreisförmig angelegtem Kanal: Wollte ein Zecher einem anderen Wein anbieten, setzte er einen gefüllten Becher aufs Wasser, das ihn zum Empfänger trug.

01Sieh den künstlichen Fluss, der den Durst fröhlicher Zecher stillt, indem er Becher reicht voll der Röte, die feierlich berauscht.
02Darauf lässt man den Becher gleiten — und er erscheint wie der Körper des Mondes, der die Seele der Sonne in sich birgt.
03Wenn das Glas einen der Zecher erreicht, so nimmt es jener behutsam mit beiden Händen
04und trinkt daraus den berauschenden Saft der Traube, durch den, ohne dass er es merkte, sein leuchtender Geist verdämmert.
05Schließlich gibt er den Becher dem künstlichen Fluss zurück, der ihn zurückspült in die Hände des Einschenkenden, nach dessen Willen er fließt.
06Während wir trinken, ersetzen wir die modulierten, aber dichtungslosen Weisen der Vögel mit dem Gesang unserer Stimmen.
07Das Wasser wird zum Mundschenk, das ohne Hände mischt. Das Getränk, das es uns reicht, ist Feuer ohne entzündete Kohle.
08Es gab uns Wollust zu trinken — dem Wasser lassen wir zum Lohn das Meer.
09Wir sehen uns als Städte an den Ufern eines Flusses, zwischen denen Schiffe kommen und gehen, beladen mit Wein.
10Das Leben besteht darin, sich dem Vergnügen hinzugeben, und alle Zügel der Schande fahren zu lassen, ist die beste Entschuldigung.

CCCLIII — Über frischen Wein

3 Verse
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Vers 3 enthält einen Farbvergleich, den Schiaparelli mit „Negro" wiedergibt — Blitzlicht im Wein, verglichen mit einem Schwarzen, dem Blut aus der Nase läuft. Eine Stelle, die zusammen mit CLVII (Vers 25, „Töchter der Zanğ") zeigt, dass rassistisch grundierte Farbvergleiche auch bei Ibn Ḥamdīs vorkommen — kein isolierter Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster in der klassischen arabischen Bildsprache seiner Zeit.

01Schau auf den frischen Wein: wie leere Perlen scheinen Dir die Bläschen dort im Glase.
02Er hat die Farbe der Mohnblume im Garten, im Becher erscheint er als ihr Seidenmantel.
03Er bewegte sich im Zucken der Blitze, und mir schien, als seien seine Finsternisse, wenn sie nachts rötlich aufleuchteten, wie ein Schwarzer, dem Blut aus der Nase lief.

Natur- und Gegenstandsbeschreibung

waṣf

Reine Beschreibungsdichtung, in der sich Ibn Ḥamdīs oft als genauer, fast technischer Beobachter erweist.

III — Lied über die Seerosen

2 Verse
Zum Kontext

Der Titel dieser Website — „Zungen aus Feuer" — stammt aus Vers 2 dieses kurzen Gedichts: das Bild roter Seerosenblüten, die wie Flammenzungen aus dem grünen Wasser schießen.

01Trink auf dem Teich, grün von Seerosen, aus den rotschimmernden Blüten.
02Es scheint, als schössen aus dem Wasser Zungen aus Feuer.

VI — Er beschreibt das Meer

3 Verse
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Vermutlich an einen Mitreisenden oder Freund gerichtet, der sich einer gefährlichen Überfahrt stellen muss. Levante und Ponente (Ost- und Westwind) sowie Euro und Austro (Ost-/Südost- und Südwind) benennen zusammen alle vier Hauptwinde der klassischen Windrose.

01Ich sehe, wie Du die stürmische, unermessliche See durchsegelst, wo man nie sicher ist vor Missgeschick.
02Hin und hergeworfen von Levante und Ponente, angetrieben von den Winden aus Süd und Südost.
03Aber ich denke: Schwerer als das Meer zu überqueren wiegen die Gründe, die Dich zwangen, es zu befahren.

CXVII — Über Anemonen

3 Verse
01Ich sah die Schönheit der Gärten, als die Tränen ihrer Wolken über die Augen ihrer Blumen rannen.
02Aber mein Auge sah in ihnen nichts, was den Anemonen gleichen würde, bewegt vom Wind zwischen grünen Blättern.
03Wie junge Sängerinnen mit gekämmtem Haar, die sich erheben, um zu tanzen — gekleidet in rote Gewänder.

CCCVII — Er beschreibt die Seerose

2 Verse
01Die gepflückte Seerose auf deinen Fingern scheint
02wie aus lauter rubinroten Fläschen, gefüllt mit Safran-Fäden.

CCCVIII — Er beschreibt eine Wolke

6 Verse
01Ständig flammen Blitze auf wie geschwungene Klingen aus Stahl.
02Der Nordwind bringt sie. Und wie viele glückliche Finger hat er für den Garten.
03Er brüllt mit der Stimme des Donners wie eine Schwangere, welche die finstere Nacht mit ihren Klagen erfüllt,
04bis sie, weil sie nicht mehr zurückhalten kann, was sie in sich trägt, den Fötus in den Schoß der Erde wirft:
05Regen, dessen Tropfen sich ausbreiten. Wären es Perlen, die du zur Kette gereiht — wie wertvoll wären sie.
06Die Felder, geblendet von deinen Tränen, bekleiden sich wieder mit schönsten Blumen, als ob sie Augen wären.

Jagddichtung

ṭardiyya

Eine eigene, mit der Naturbeschreibung eng verwandte, aber in der siculo-arabischen Dichtung seltene Gattung: die Jagd-Ekphrasis, hier auf den Falken konzentriert.

CCIX — Er beschreibt einen Falken, der Enten jagt

16 Verse
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Eine ṭardiyya (Jagd-Ekphrasis) von großer technischer Genauigkeit — der Falke wird über die ganze Länge des Gedichts hin beobachtet, vom ruhenden Vogel im Morgengrauen bis zum tödlichen Sturzflug.

01Schau ihn dir an. Ganz braun. Mit scharfem Schnabel, die Spitze wie aus grimmem Schwert geformt.
02Sein Auge, rot gefärbt vom Blut der Schicksalsgöttin; sein ernster Blick vertreibt ein jedes Lächeln.
03Es scheint, als trüg er auf der Brust ein weißes Blatt, durchwirkt, beschrieben noch mit feiner Feder.
04Er jagt mit Klauen, schleudert sie nach vorn und stürzt sich in ungehemmter Lust auf seine Beute.
05Am frühen Morgen beginnt er seine Jagd nach den Scharen der Wüstenflughühner, von denen ihn tiefe Bergschluchten trennen.
06Am frühen Morgen schon bringt er der Taubenschar den Tod, mit zuckenden Flügeln sinkt sie zur Erde,
07wie eine Fahne, die im Sturmwind überm Horizont des Krieges weht.
08Und wenn die Nacht schwindet, spähen die ersten Strahlen der Morgendämmerung vom Gipfel des Berges herab.
09Er bleibt dort. In ihm gibt es keine Angst. Nur die tiefe Gewissheit, das Unmögliche möglich machen zu können.
10Er reißt die Augen auf und lässt sie kühn umherwirbeln; sie leuchten wie Blitze.
11Er schüttelt sich den Tau aus den Federn, wie sich sonst nur edle Rosse schütteln.
12Du bemerkst die Federn oberhalb seiner Flanken, übereinandergelegt wie Bläschen auf einem edlen, unverfälschten Wein.
13Sieh seinen Blick. Der Glanz der Sonnenstrahlen färbt die Wimpern mit dem Morgenrot.
14Im sicheren Gefühl der Überlegenheit ruht der Jäger — schimmernd wie ein Karneol.
15Dann wandelt er sich plötzlich, stürzt aus der Höh herab, wie ein Wurfgeschoss, dahingeschleudert von der Mangonelle.
16Du glaubst es, wenn Du die sterbende Beute gewahrst, deren Brust er in zwei Teile gerissen hat.

Weisheitsdichtung

ḥikma

Knappe, sentenzenhafte Sprüche über Charakter, Glauben und Ehre — eine eigene kleine Gattung neben den großen Qasiden.

CCCIII — Aphorismus

2 Verse
01Sei standhaft in starkem Charakter und im gegebenen Glauben, und die Saite der religiösen Empfindung in dir sei gut gestimmt.
02Denn das Dauerhafteste, was du in einer Person von Ehre sehen kannst, ist die Achtung, in der Kraft Charakter und Religion hält.

Kurze Heimat- und Verlustgedichte

wie ġazal, aber kein ġazal

Kurze Stücke, die Liebesklage und politischen Verlust so eng verschmelzen, dass keine Seite eindeutig gewinnt — zu kurz für die „Große Qasiden"-Kategorie, aber im Kern kein reines Liebesgedicht.

VIII — Lied über die Liebe

7 Verse
Zum Kontext

Ein Gedicht, das zwischen zwei Ebenen changiert: Liebesklage und politischer Verlust verschmelzen so eng, dass unklar bleibt, ob die „Reiter, die gegangen sind" ein militärisches Kontingent oder eine einzelne Geliebte meinen. Siehe auch Exil & Heimweh.

01Ich habe Euch verlassen, und es war hart von Euch zu gehn, ein Schmerz, den aushielt weder Herz noch Leib.
02Fern und tot sind sie nun. An welchen Rat soll ich mich halten, wenn unsere Nächsten sind in alle Winde nun verstreut?
03Wirst Du bleiben, wenn alle Reiter gegangen? Wie soll man bleiben ohne Dich? Nun, wo all die Reiter fort.
04Wieviele sind es, die das Meer befahren, ein Meer der Schmerzen. Für Dich haben sie die Augen voll von frischen Perlen.
05Ich hab Dein Haus nicht hasserfüllt verlassen, denn Liebe stirbt, nachdem sie gelebt.
06Ich hoffe mir keinen Frieden von der Zeit, hat ihretwegen sich der Krieg doch wohl entzündet.
07Wenn das Schicksal gnädig ist — wie oft wird der Unbeugsame gezähmt, wie oft der Widerspenstge wohl bezwungen?

XXV — Trauer um den Verlust der Heimat Sizilien

3 Verse
Zum Kontext

Ein kurzes Fragment mit derselben Doppellesart wie VIII: „die entfernte Geliebte", nach der sich die Verbannten sehnen, lässt sich sowohl als reale Person als auch als personifizierte Heimat Sizilien selbst lesen — die Trennungsklage bleibt zwischen beiden Ebenen in der Schwebe.

01Wie viele Verbannte, nach denen sich die entfernte Geliebte sehnt! Wie viele Verzweifelte, die der Gedanke der Bedrängten quält!
02Die Trauer der Trennung hat sich unser ermächtigt. Aber vielleicht ist der Trost der Annäherung nah.
03Und wenn sich unsere Seelen treffen, werden die eine der anderen zum Trost.

CCCLII — Trauer um den Verlust der Heimat Sizilien

2 Verse
Zum Kontext

Ein sehr kurzes, rein elegisches Fragment ohne die Liebes-Doppelbödigkeit von VIII und XXV — reine Naturbilder (Taube, Pfau, Mohnblumen als Wein) für das verlorene Sizilien.

01Schau auf das Land, dem die Taube ihre Halskrause lieh und der Pfau sein gesprenkeltes Gefieder.
02Als wären dort die Mohnblumen roter Wein und die Höfe vor den Häusern seine Becher.

Themen & Motive

quer gelesen

Vier Bildfelder, die durch mehrere Gedichte und mehrere Gattungen hindurch wiederkehren — hier quer zur Gattungsordnung oben zusammengestellt.

Naphtha & Griechisches Feuer

Vier Belegstellen im Diwan beschreiben Naphtha-Feuerwaffen zur See — meist im Kontext des Seesiegs ʿAlī ibn Yaḥyās vor Gabès 1118 (CXXXVIII, CLVII, CCXCII), einmal als freies rhetorisches Bild in einer Alterswerk-Rückschau (CCLXIX). Mehrere zitieren, direkt oder indirekt, dieselbe koranische Höllenformel aus Sure 18:29: kal-muhl yaŠwī l-wuǧūh, „wie Muhl, das die Gesichter versengt" — muhl selbst bezeichnet eine glühende, zähflüssige Masse (geschmolzenes Metall oder schwarzer Ölbodensatz).

Eine wichtige Einschränkung: Nur CXXXVIII (Vers 45, „aus dem Bronzerohr schoss eine brennende Flut") beschreibt ein Sprüh-/Siphonsystem, das dem eigentlichen, streng geheimen byzantinischen Griechischen Feuer entsprechen könnte. CLVII, CCLXIX und CCXCII sprechen dagegen vom einfacheren, geworfenen Brand-Naphtha, wie es im gesamten mittelalterlichen Mittelmeerraum verbreitet war. Schiaparellis Text selbst sagt an keiner Stelle wörtlich „fuoco greco", sondern durchweg „nafta ardente" — die Bezeichnung „Griechisches Feuer" bleibt also eine interpretierende Zuspitzung, kein Fund im Text.

Naphtha taucht bei Ibn Ḥamdīs außerdem völlig unkriegerisch auf: In CCCXIV (Vers 27–28) wird ein Springbrunnen hypothetisch mit brennendem Naphtha verglichen — ein reines Gedankenexperiment, kein Waffenbild. Das Wort scheint ihm generell als Bild für plötzliche, helle Zerstörungs- oder Leuchtkraft zur Verfügung zu stehen, unabhängig vom Kontext.

CLVII — Naphtha-Kriegsschiffe (Auszug, Verse 24–28)

Teil einer weiteren Sizilien-/Syrakus-Klage, mit Rückblick auf Feldzüge nach Kalabrien und Trauer über Kirchen an Stelle von Moscheen. Die Farben Rot und Gelb (Vers 25) entsprechen der Standarte der fatimidischen Kalifen — ein politisches Loyalitätssignal, das zugleich an Siziliens eigene Flotte unter den Kalbiden (948–1053), den fatimidischen Statthaltern der Insel, erinnert. „Zanğ" (Vers 25) bezeichnete ursprünglich die Suaheliküste und ihre Bewohner; hier dient es als Farbvergleich für die pechgeschwärzten Schiffsrümpfe. Der „Schnupftabak des Todes" (Vers 24) ist eine bittere Ironie: der ätzende Naphtha-Rauch als tödliches Gegenstück zu einem eingeatmeten Heilmittel.

24Ein Kriegsschiff schleudert das Feuer seines Naphthas, sodass die Nasen den Schnupftabak des Todes einatmen.
25Du siehst sie in roten und gelben Filzen, wie Töchter der Zanğ, im Brautzug geführt.
26Wenn in ihnen die Öfen rauchen, glaubst du, es öffneten sich in ihnen Vulkanschlünde.
27Ach! In Castrogiovanni war eine Festung, von ihnen besetzt — und nun ist jede Spur des Islam verschwunden.
28Und, o Wunder! Dämonen haben sich niedergelassen in den Sternbildern der Sternschnuppen.

CCXCII — Lob Ali ibn Yahyas (Auszug, Verse 20–23)

Aus einem Glückwunschgedicht zum gemeinsamen Ramadan-Fasten und zur Genesung des Emirs von einer Krankheit. Die „schwarzen Bräute des Todes" (Vers 23) führen die Brautzug-Metaphorik aus CLVII fort — dieselben pechschwarzen, bunt behangenen Schiffe, hier noch unheimlicher zugespitzt.

20Mit der Wirkung eines fallenden Sterns schlägt er mit Feuer, wen auch immer Widerstand leistet.
21Und mit Schiffen, ausgerüstet mit dem Naphtha des Krieges, welches immer wieder das Wasser entzündet mit lodernden Flammen.
22Gekleidet in bunte Filze, wie blühende Beete auf den Hügeln, blenden sie dich und nehmen die Sicht.
23Filze, die die schwarzen Bräute des Todes enthüllen, gekleidet zum Fest auf den Wellen des grünschimmernd stürmischen Meeres.

Augen, Licht, Blindheit

Ibn Ḥamdīs erblindete gegen Lebensende an Trachom (bezeugt u. a. durch ein eigenes Krankheitsgedicht, Diwan Nr. 124, das Granara übersetzt). Diese biographische Spur lässt sich in mehreren, scheinbar rein konventionellen Bildern wiederfinden: der Fachbegriff collirio (Augensalbe), Kamillenblüten als reales Hausmittel gegen Augenleiden, und das koranische Muhl-Zitat, das an anderer Stelle Feindesgesichter „versengt" (CXXXVIII, Vers 42) — hier klingt dieselbe Formel im „Kollyrium des Lichts" (CCLXIX, Vers 41) versöhnlicher nach. In CCCXLVII (Vers 2) wird das Bild noch einmal aufgegriffen: Der Glanz des Palastes selbst könnte, als Kollyrium gerührt, einen Blinden sehend machen — eine dritte Variation desselben Bildfelds. In CCCLVII kehrt es sich um: Dort wird das Kollyrium zum Gift auf der Spitze des Blicks.

Exil & Heimweh

Das Grundthema seines gesamten Alterswerks: die Trauer um das arabische Sizilien, das er als junger Mann verließ und nie wiedersah — oft verwoben mit Erinnerungen an Weggefährten und die eigene Jugend, gelegentlich so eng mit politischem Verlust verschmolzen, dass unklar bleibt, ob eine „Geliebte" oder die Heimat selbst gemeint ist.

Waffen ↔ Natur

Eine wechselseitige Metaphorik, die in beide Richtungen gleich mühelos funktioniert: Rüstung wird zu Löwenfell und Heuschreckenaugen, Wasser wird zur Damaszener-Klinge, Wimpern werden zu Schwertern, Speere werden neidisch auf einen Hals. Waffen und Naturformen tauschen bei Ibn Ḥamdīs ständig die Rollen.

Höhepunkte

eine subjektive Auswahl

Fünf Gedichte, die uns beim Übersetzen am meisten gegeben haben — keine objektive Rangliste, sondern eine laufend fortgeschriebene, persönliche Einschätzung, die sich mit jedem neuen Fund verschieben kann.

CX — die vollständige Alterselegie

Nicht nur wegen seiner Berühmtheit, sondern weil das vollständige Gedicht selbst trägt: Der Bogen vom trotzigen Auftakt über das Weingelage mit der doppelbödigen Nönnchen-Episode bis zur schlichten, unprätentiösen Altersreue am Ende (Vers 36–37) ist erzählerisch geschlossener, als man erwartet, solange man nur Anfang und Schluss kennt.

CCCV — die verborgene zweite Ebene

Das ergiebigste Stück für unsere eigene Arbeit: Die Trachom-Doppellesart, die sich erst durch Details wie collirio und die Kamillenblüten erschließt, verleiht dem scheinbar konventionellen Tagelied eine Tiefe, die im Text selbst verborgen liegt, bis man sie kennt.

CXXXVIII — das einzige datierte Gedicht

Historisch einzigartig: das einzige Stück im Korpus, das sich exakt einem realen Ereignis zuordnen lässt (Gabès, 1118), mit dem Bronzerohr-Detail, das möglicherweise das echte byzantinische Griechische Feuer meint, und dem doppeldeutigen Schlussvers, der zwischen Anrede an den Emir und an Gott changiert.

CCIX — reine Bildkraft

Die technische Präzision der Falkenbeobachtung — der Karneol-Vergleich, der Sturzflug wie ein Mangonelle-Geschoss — ist ein kleines Meisterstück knapper, harter Bildsprache, ganz anders im Ton als die verspielteren Weingedichte.

CCCVI — der kühnste Einzelvers

So kurz das Gedicht ist: Die „rote/weiße Seele" (Vers 6) gehört zu den gewagtesten Bildlösungen der ganzen Sammlung — ein Moment, den die meisten Ghazal-Dichter entweder explizit ausformulieren oder ganz aussparen.

CCLXIX — Beduinenlob und Kriegsqaside

Der weiteste Bogen im ganzen Korpus: von der Wüstenreise mit den Beduinengefährten über das Grenzland-Kriegerlob bis zur Seeschlacht — und darin zwei ganz unterschiedliche Verwendungen desselben Bildfelds, die das Gedicht besonders auszeichnen: das „Kollyrium des Lichts" (Vers 41), das die koranische Höllenformel ins Tröstliche wendet, und die Naphtha-Passage (Vers 27–32) mit Brandpfeilen statt Bronzerohr — eine eigenständige technische Variante gegenüber CXXXVIII.

Über dieses Projekt

Dies ist ein persönliches literarisches Interesse, das im Zusammenhang mit anderen publizistischen Projekten des Betreibers steht. Er ist von Haus aus Germanist, Mediävist und Rhetoriker — weder Arabist noch Italianist —, und die hier versammelten Übertragungen sind entsprechend das Werk eines belesenen Liebhabers, nicht einer Fachphilologie. Ausgangspunkt ist durchgehend die italienische Ausgabe des Diwan von Celestino Schiaparelli (arabische Textedition 1897; die dazugehörige italienische Übersetzung blieb zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht und erschien erst 1998, herausgegeben von Stefania Elena Carnemolla). Zum Vergleich wird gelegentlich William Granaras englische Auswahlübersetzung (Ibn Hamdis the Sicilian: Eulogist for a Falling Homeland) herangezogen, sowie, wo zugänglich, die arabische kritische Edition selbst.

Die Übersetzungen sind bewusst nicht formtreu: Das arabische Metrum (quantitierende Silbenlängen) und der durchgehaltene Monoreim einer Qaside lassen sich im Deutschen nicht ohne erheblichen Verlust an Bildkraft nachbilden — ein Problem, an dem sich schon Friedrich Rückerts kunstvolle, aber oft schwer verständliche Nachdichtungen des 19. Jahrhunderts abarbeiteten. Der hier verfolgte Weg bevorzugt stattdessen freien Vers bei größtmöglicher Treue zu Bildern, Wortspielen und rhetorischen Figuren des Originals.

Wo zwei Übersetzer (Schiaparelli, Granara) oder zwei Handschriften voneinander abweichen, wird das an Ort und Stelle vermerkt — solche Differenzen sind oft selbst aufschlussreich für offene Fragen der Überlieferung und Deutung.

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